… gerade in stürmischen Zeiten!

Freudentränen vor Glückseligkeit, die Arme weit ausgebreitet, um die Fülle des Lebens zu empfangen und dabei zugleich die Welt zu umarmen, mit offenem Herzen voller Dankbarkeit und beschwingtem Schritt – wer solche Augenblicke erfahren durfte, der kennt die Gefühle einer tiefen Seinserfahrung, unserer Anbindung an das Leben. Wie gelingt das in Zeiten großer Aufruhr?

Es scheint kaum vorstellbar, Glück und Seligkeit zu empfinden, wenn das eigene Leben nahezu entwurzelt wird. Doch genau in diesem Chaos scheint das Geheimnis von noch größerer Verbundenheit mit dem Leben zu liegen. Die Anbindung an das Leben wird zu einer nährenden Selbsterfahrung, dass die Liebe des Lebens immer und für alle Geschöpfe zugegen ist.

Wenn wir uns als ein Teil von ihr empfinden, tauchen wir in eine Ganzheitlichkeit ein ohne das Wesentliche zu verlieren. Wir streifen für einen Moment den Mantel unseres Egos ab, um in der allumfassenden Annahme unseres Seins mit der Welt zu baden. In dieser Erfahrungswelt gibt es keine Bewertungen, Ängste oder Ansprüche. In dieser Erfahrung mit uns selbst berühren wir die Elemente des Lebens, die Größe, Zartheit, Kraft und Klarheit einer liebenden Intelligenz, die uns immer wieder ruft, damit wir uns ihr anvertrauen.
Im Laufe meines sehr bunten Lebens begleitete mich eine Frage: „Welches sind die perfekten Umstände für ein glückseliges Leben?“


Immer weiter

Es gibt Lebensphasen, in denen alles zu gelingen scheint oder zumindest keine nennenswerten Unvorsehbarkeiten die eingespielten Abläufe stören. Man könne annehmen, dies seien die perfekten Voraussetzungen, um erfüllt und lebensfroh zu sein. Interessanterweise waren dies bei mir nicht immer die Phasen, in denen ich erwartungsgemäß jene Glückseligkeit und Dankbarkeit empfand. Oft genug trieb etwas mich weiter, forderte mehr von mir und ließ mich mit dem Vorhandenen hadern. Das Erreichte gab nur kurzfristig Anlass zur Freude, allzu schnell stachelte mich mein Ehrgeiz an und erhöhte gleichzeitig den Druck, ihm erneut gerecht zu werden. Im Grunde hätte ich wenigstens für einen Augenblick meinen Gleichklang mit dem Leben auskosten und mir durch das Innehalten bewusst machen können, wie sehr es an meiner Entwicklung beteiligt ist, wie getragen ich mich fühle. Doch die Jagd nach scheinbar Größerem hetzte mich über die stillen Töne hinweg, machte mich gewissermaßen unempfindlich für das zarte Netz, über dem ich stets balancierte. Es war selbstverständlich, dass der gute Flow vorhanden ist, woraus ich schloss, es würde einfach so weitergehen. Ich sah meinen Dank darin, dass ich stets bemüht war, das Beste aus allem zu machen.

 

Eigendynamik

Das Beste aus allem zu machen, fußte allerdings auf dem Überwinden eines unbewussten Unwohlseins: Es war einfach nicht genug. Nicht genug, was ich leistete, nicht genug, was zurückkam, nicht genug, was in Aussicht stand, nicht genug, womit ich mich hätte zufriedengeben wollen. Ich formulierte es damals anders und hielt mich für strebsam, engagiert, dynamisch, aktiv, eine Person mit hohen Zielen, ein Mensch, der viel zu bewegen suchte – ein besserer Mensch!? Ich fühle mich dabei offensichtlich besser, wohler mit mir, verglichen mit Phasen, in denen es mehr Fragezeichen auf meinem Weg gab. Mich selbst in Frage gestellt zu sehen, weil alles ins Stocken geraten war, rührte zugleich an dem Zweifel, ob ich mir das Wohlwollen des Lebens durch eine falsche Tat oder Gesinnung verspielt hatte. Ich suchte die Aktivität im Abwenden von zu vielen Fragen, vor allem um das Gefühl des Ungenügenden aufzufüllen. Im Emsigsein sah ich einen erfolgversprechenden Weg mir auch die Dynamik des Lebens zunutze zu machen.

 

Lebensdynamik

Doch die Lebensdynamik basiert nicht auf Beurteilungen, dass etwas oder jemand nicht (gut) genug ist. Sie integriert Phasen üppigen Wachstums ebenso wie Zeiten des Stillstands oder der Reduktion. Es herrscht Gleichklang zwischen diesen Kräften, selten für uns Menschen logisch vorhersehbar und nur schwer manipulierbar. Das anzuerkennen veränderte meine Anbindung zum Leben - Etappe für Etappe.
Hatte ich mich eingerichtet in einer erfreulichen Entwicklung, in der es beruflich und privat stabil war, gesellte sich zu dem notorischen Streben auch eine Sattheit, die bemerkenswerter Weise zu wachsender Unzufriedenheit führte. Sie träufelte Öl ins Feuer meiner allzeit vorhandenen Aufbruchstimmung. Während ein Teil von mir an der Stabilität festhielt, löste sich ein anderer bereits und nahm die Fährte zu etwas neuem Unbekannten auf. Als ob das Verweilen in dem Status Quo an sich etwas Schadhaftes sei, wurde es zunehmend zu etwas rein Nützlichem, das Genüssliche darin verblasste erschreckend schnell.
Ich musste mit eingestehen, dass die perfekten äußeren Umstände nicht hauptverantwortlich für eine dauerhafte Lebenszufriedenheit bei mir waren.


Sinnhaftigkeit

Die Süße des Lebens schalte aus und je länger ich untätig blieb, mich vollends daraus zu befreien, desto bitterer wurde es. Das betraf berufliche Etappen in gleichem Maß wie private Bindungen. Schon damals trieb es mich um, wieso ich das Leben mit all seinen Vorzügen, die es mir zuteilwerden ließ, nicht genauso beibehalten wollte. Warum konnte es mir nicht einfach Ruhe geben, um jene Glückseligkeit zu erfahren, wann würde es endlich genug für mich sein?
Etappe für Etappe erkannte ich, dass es einerseits mein Ehrgeiz war, der mich forderte und dass es andererseits dazu eine Entsprechung mit ungeahnter Sinnhaftigkeit gab. Mehr und mehr hörte ich mich sagen: „Das Leben ruft mich wieder…“, so als gäbe es in der Tat noch einen „höheren Plan“ zu erfüllen. Einen höheren Plan – das klang eine lange Zeit sehr Schicksalsbehaftet für mich, sehr fremdbestimmt, das wollte mir schon gar nicht behagen, und viel zu hochtrabend. Zudem verbat es mir meine anerzogene Haltung, bloß nicht zu überschwänglich von mir zu denken, was es erschwerte zu erkennen, worum es dabei überhaupt geht.

 

Zeichen

Was ich also tat, war, zunehmend dem Ruf des Lebens zu folgen, mich von seinen Zeichen führen zu lassen, egal, ob dies bedeutete, einen beruflichen, privaten Aufschwung zu erleben oder erneut zu unbekannten Ufern aufzubrechen. Ich folgte dem Wink, doch es fiel mir anfänglich selten leicht und noch weniger spürte ich mich gehalten vom Leben. Das stellte sich erst mit den Wiederholungen ein. Je nach Trägheit empfand ich das Leben als äußerst ruppig und lieblos, wie es mich förmlich vom Sofa meiner Komfortzonen runterschmiss und zurück auf die Straße schickte, damit ich meinen Weg fortsetzte. Einen Weg, den ich zwar stets in Form meines Entwicklungsdrangs verspürte, aber dessen Ziele streckenweise hinter dichten Nebeln verborgen lagen. Wenn die Qual meiner Unwissenheit die Schmerzgrenze der Unerträglichkeit erreicht hatte, gestattete ich mir einen Blick auf das, was der „höhere Plan“ sein könnte und öffnete mein Herz dafür.
Es blieb dabei nicht aus, dass Ängste und Selbstzweifel mein Vertrauen torpedierten und meine Entscheidung, das wohlige Leben gegen die Unsicherheit einzutauschen als Fehler bezeichneten. Ich hatte meine eigene Scholle ins Wanken gebracht – und auch das fühlte sich auf merkwürdige Weise richtig an!

Führung

Mit dem Herzen auf mein Leben zu schauen war für viele Jahre etwas, was sich ebenfalls nicht schickte, wenn ich etwas erreichten wollte, als ich ehrgeizig Großes zu bewirken suchte. Dies konnte wohl kaum aus einer Regung des Herzens herrühren, dazu müsste es einen für alle nachvollziehbaren, logisch-irdischen Plan geben. Was ich tatsächlich erreichte, erfüllte mich allerdings nicht (dauerhaft), vor allem nicht im Herzen, weswegen sich auch der Rest meines Lebens, auf dem Konto und in meinen Beziehungen, als ebensowenig ausreichend anfühlte.
Es gab niemals einen vorhersehbaren Zeitpunkt in meinem Werdegang, auf den ich schauen und mit Gewissheit sagen konnte: „Jetzt habe ich es begriffen, jetzt lebe ich das, was mich erfüllt, kann es würdigen und zugleich offen nach vorne blicken, wo ich frei von Hast und falschem Ehrgeiz Neues gestalten kann.“ Mit jeder gemeisterten Etappe räumte ich allerdings meinem Herzen und meiner Intuition mehr Bedeutung für meine Lebensentscheidungen ein. Je mehr ich meinen Antrieb in diese Führung brachte, desto mehr nahm mein Leben an Leichtigkeit, Vertrauen zu, desto natürlicher wurde es für mich, das Geschaffene auszukosten und zufrieden zu sein, was ist. 

 

Vertrauen

Ich brauche nicht zu erwähnen, wie herausfordernd die aktuellen Zeiten für uns Menschen sind. Kaum vorstellbar inmitten dieser Verwerfungen und Bürden ein Gefühl von Glückseligkeit oder zumindest echter Zufriedenheit und Lebensfreude empfinden zu können. Doch ich möchte allen Interessierten Hoffnung und Mut machen, dass dies gerade jetzt gelingen kann – auch weil es so wichtig für unser seelisches Überleben ist. Und es gibt nur einen Weg, auf dem wir dorthin kommen, und das ist der unserer Herzkraft. Sie sagt uns, was wir sowohl für uns anhaltend Gutes tun können, was uns nährt, uns schützt und wo Mitgefühl eine heilsame Brücke über sich verhärtende Fronten baut. Unser Herz weiß, was ansteht in unserem Leben, ob es um einen Abschied geht, um starke Veränderungen, der Begegnung mit dem Ungewissen, es kennt unsere Schwachstellen, weswegen wir uns nicht zutrauen, das Unabwendbare in eine positive Richtung mitzugestalten. Wenn wir auch diese Empfindungen als Teil unserer menschlichen Natur annehmen, dann kann uns das Leben führen, dann sind wir offen, seinen Rat als Stimme in unserem Herzen wahrzunehmen.
Wenn alle Wege zu vertrauten Sicherheiten versperrt scheinen, so bedeutet dies nicht, dass das Leben sich gegen uns gewandt hat, sondern dass wir uns für seine Führung sensibilisieren und ihm weiterhin, ganz bewusst vertrauen sollten.

 

Liebe des Lebens

Mein Leben wurde, wie vermutlich von sehr vielen Menschen, völlig auf den Kopf gestellt. Ich hatte jeden Grund, zu verzweifeln und am guten Draht zum Leben zu zweifeln. Und genau aus diesem Chaos heraus, habe ich bewusst alles auf eine Karte gesetzt und vergangenen Herbst eine Initiative gegründet (www.kultur-steht-auf.de), für die es keinen ehrgeizigen logischen Plan gab, sondern die wie ein Keimling aus meinem Herzen erwachsen ist. In Zeiten, in denen es um „alles oder nichts“ geht, wurde mir so klar, wie nie zuvor, dass alle Ziele in die Leere führen, wenn das Herz nicht vollends mit dabei ist. Und wenn es jetzt etwas zu verlieren gibt, dann unser Vertrauen in das, was die innere Stimme uns sagt, unser Vertrauen in die Sprache und Führung des Lebens, gerade inmitten eines so unsicheren Terrains.
Das, was bislang wachsen durfte, übersteigt alle meine Erwartungen – es gab schlichtweg keine, sondern nur eine wunderbare Vision, die mich zutiefst erfüllte und in deren Dienst ich mich mit allen Erfahrungen und Kompetenzen stellte.
Heute stehe ich da, mit Freudentränen der Glückseligkeit, die Arme weit ausgebreitet, um alle die zu empfangen, denen ich damit Mut und Vertrauen ins Leben schenken kann, mit offenem Herzen voller Dankbarkeit und wachsam für weitere Impulse – beschwingt und entschlossen an jedem weiteren Tag voranzuschreiten. Ich bin mitten in der Liebe des Lebens angekommen, ich war und bin allezeit von ihr getragen und geführt.

 

Originalfassung

 

Den Artikel samt weiterer wertvoller Tipps gibt in der "Auszeit 04/2021" zu lesen.