Entscheidungswege zwischen Wagemut und Leichtigkeit

Ich habe mich oft gefragt, warum es mir bei so mancher Wahl unendlich schwerfiel, diese zu treffen, wohingegen ich andere nahezu gedankenlos und spielerisch traf. Meine Entscheidungsbereitschaft knüpfte sich vor allem an den positiven Ausgang meiner Wahl: ob ich daran glaubte oder irgendeinen Zweifel hegte.

Im Wesentlichen lernte ich über etliche Jahre den Unterschied zwischen „Ich will, dass es funktioniert.“ oder „Das muss jetzt aber endlich mal klappen.“ und „Ich habe mich dafür entschieden, weil es sich gut anfühlt – der Rest wird sich ganz in diesem Sinne weiterentwickeln.“ kennengelernt. Das Drängen auf ein positives Ergebnis lädt zusätzlichen Druck auf die Haltung und macht im Grunde deutlich, dass wir nicht wirklich sicher sind, ob die Wahl uns zufrieden machen wird.

Wir möchten das Ergebnis gerne vorwegnehmen, es uns derart konkretisieren, dass wir uns, ohne dass es eingetroffen ist schon damit pudelwohl fühlen. Das geht in gewisser Hinsicht schon, aber nicht mit dem Kopf. Dieser möchte Beweise für die Richtigkeit unserer Wahl und die können wir bei echten Lebensentscheidungen selten vollumfänglich liefern. Da geht es meist um Neuland, um ein Wagnis, welches ein emotionales Gewicht auf unsere Wahl legt, wodurch unmissverständlich betont wird, nicht leichtfertig zu handeln.

 

Entscheidungsfindung

Wie vermutlich viele andere Menschen auch, habe ich diese Aufforderung öfters in meinem Leben gehört: „Überlege dir das gut …“ und es zeigte stets Wirkung auf meine Entscheidungsfreiheit. Hegte ich vorher nämlich schon geheime Zweifel an meiner Wahl, wurden diese dadurch noch offenkundiger und machten mich zugleich mutloser. War ich allerdings klar mit meiner Ausrichtung, überzeugt, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen hatte, so prallten Sätze von Außenstehenden an mir ab, die mir vielleicht zu helfen versuchten, mich aber in Unruhe versetzten.
Nicht alle Entscheidungen, die ich guten Gewissens fällte, erfüllten auch die Vorstellungen, die ich mir zuvor von der Entwicklung oder dem Ausgang gemacht hatte. Auch wenn die Anfänge glückhaft und positiv verliefen, traten irgendwann auch Hindernisse auf, brachten Ereignisse das Ganze ins Wanken. Ich fing mich an zu fragen, welchem guten Gefühl ich bei meiner Entscheidungsfindung gefolgt war, denn ich empfand, dass es mich nun im Stich gelassen habe.

 

Flexibilität

Vielleicht war es zu naiv anzunehmen, dass, wenn ein starkes gutes Gefühl, Vorfreude meine Wahl begleiten, danach alles reibungslos verliefe und ich endlich durchschnaufen könne. Als ob ich nach langem Ringen für eine eben nicht leichtfertig getroffene Neuausrichtung mit Leichtigkeit und Aufschwung belohnt werden wollte, kämpfte ich mich über die Jahre durch sämtliche Schichten meiner Persönlichkeit, um mehr Authentizität zu leben.
Ich lernte, dass die Last Entscheidungen zu fällen von mir täglich als solche wahrgenommen oder anders gestaltet werden kann. Ich beobachtete mich in schnöden Alltagshandlungen und entdeckte, bei wie vielen Entscheidungen ich durchaus klar und flexibel zugleich war. Führte beispielsweise der Drogeriemarkt gerade nicht meine Lieblingsseife, so flatterte mein Interesse neugierig zu anderen Sorten und ich empfand Freude dabei. Freude vor allem über mich selbst, dass ich zwar entschlossen eine Auswahl im Sinn gehabt hatte, diese aber mit Leichtigkeit zu wechseln bereit war, weil es die Umstände gerade so verlangten. Statt mich aufzuregen und die Wahl einer anderen Seifenmarke zu einem Problem wachsen zu lassen oder gar das nächste Geschäft aufzusuchen, verließ ich dieses nach meinem Kauf schmunzelnd. Ich sah mich durch die kleine Widrigkeit doppelt bereichert: um ein neues Produkt, welches ich schnellstens ausprobieren wollte und um die Erfahrung, wie unproblematisch ich eine neue Wahl getroffen hatte.

 

Austausch

Zu der Frage, auf Basis welcher guten Gefühle ich meine Entscheidungen fällen sollte, gesellten sich weitere: „Was lässt mich in vielen Alltagsbegebenheiten so leichtfüßig eine neue Wahl treffen und gibt es Möglichkeiten, diese positive Haltung auch auf schwerwiegendere Entscheidungen zu übertragen?“
Die Antworten fand ich nicht alleine, sondern im Austausch mit Menschen, die ebenfalls das Wechselbad zwischen Hadern, Frustration, Freude und positiver Bestätigung kannten. Wir waren uns einig, dass unsere Erfahrungen wesentlich dies gezeigt hatten:
Die Mischung aus freudvoller Gewissheit, die bestmögliche Wahl getroffen zu haben, gekoppelt mit dem Gefühl vertrauensvoll im Fluss mit der weiteren Entwicklung zu bleiben, brachte uns in der Tat die bestmöglichen Ergebnisse. Ergebnisse, die sowohl faktisch, als auch emotional sehr nah bis deckungsgleich mit den Vorstellungen waren, die wir uns im Vorfeld von dem Ergebnis unserer Wahl gemacht hatten.

 

Konsequenzen

Wir fragten uns also weiter, wie man sich durch den Sumpf innerer Zweifel, Unsicherheiten und auch größerer Zukunftsängste immer wieder mit jenen Empfindungen der Zuversicht, Gewissheit, Vorfreude und vor allem der Leichtigkeit und des Vertrauens verbinden könne. Dass sich unser innerer Zustand auf den Weg zur Entscheidung und somit auf deren Ergebnis auswirken würde, daran bestand für niemanden mehr ein Zweifel. Dass es allzu menschlich ist, ängstlich, unsicher, zögerlich und schwankend zu sein, war uns ebenfalls bewusst und dies positiv umzugestalten, lag uns am Herzen. Wie könnte es uns, jedem einzelnen mit seinen Lebensentscheidungen, gelingen, souverän, gefestigt und zugleich flexibel zu bleiben, wenn alles Unbekannte, was hinter unseren Entscheidungen liegt, unser Vertrauen darin immer wieder eindringlich prüfen würde?
Bei einer neuen Seifensorte lief ich lediglich Gefahr, dass sie sich als weniger angenehm herausstellte als angenommen, und dass ich nur wenige Euro für mein Experiment aufs Spiel gesetzt hatte. Bei der Wahl für beispielsweise einen neuen Lebensstandort oder auch die endgültige Trennung einer Partnerschaft, gibt es weitaus mehr abzuwägen, zieht unsere Wahl andere Konsequenzen nach sich.

 

Gewichtungen

Wir geben Dingen und Menschen in unserem Leben ganz selbstverständlich unterschiedliche Bedeutungen und Gewichtungen. Die Gründe hierfür sind meist gut herzuleiten aus unseren Familien und was wir dort lernen durften. Ob Geld oder Liebe wichtiger genommen wurden, ob das eine mehr als das andere vorhanden war, ob man über das Fehlen oder den Verlust geklagt, geschimpft oder ihn verdrängt hat, dies alles floss in die Landkarte unserer Wertigkeiten maßgeblich mit ein. Ob wir beispielsweise als Kind unter häufigen Standortwechseln litten oder diese spannend fanden, ob Geldmangel als Belastung oder Nebensache empfunden wurde, unsere Reaktionen, unsere Verarbeitungen von vorhandenen Umständen prägten in der Tiefe, was wir als Erwachsene bevorzugen oder vermeiden, wofür wir uns stark machen oder was nur weniger ins Gewicht unserer Entscheidungen fällt.
Ich habe oftmals leichtfertig Geld ausgegeben ohne mir Gedanken darüber zu machen, wann und wie das nächste wohl verdient sein würde. Das brachte mich oft in Schwierigkeiten, doch immer, wenn ich wieder etwas Geld hatte, empfand ich große Freude, mir und anderen Schönes zu kaufen. Dies änderte sich schlagartig in Momenten, in denen ich mir meiner Gesamtlage bewusst wurde, meiner Ängste und der ewigen Ungewissheit, wie es weitergehen würde. Hielt diese innere Stimmung eine Weile an, verlor ich auch jedes gute Gefühl beim Geldausgeben, bis dahin, dass ich nur noch zwanghaft und zögerlich für das Allernötigste auf den Tisch legte. Das waren meine Zeiten der Enthaltsamkeit, der äußersten Sparsamkeit, die irgendwann wieder von der Lebenslust abgelöst wurden.
Bis heute beschäftige ich mich mit meiner Interpretation von Geld, damit, welchen Wert es für mich, mein Lebensglück hat, mit welchen, mir gegebenenfalls noch unbewussten Gefühlen es verbunden ist, weil alle Entscheidungen ob ihrer Konsequenzen ein ziemliches Gewicht haben.

 

JA

Ich bin mir also des Gewichts bei sämtlichen Entscheidungen, die meine finanzielle Existenz betreffen, vollends bewusst. Und gerade hier lege ich bis heute besonderen Wert darauf, meine Entscheidungen mit der erfolgversprechenden Mischung aus Selbstvertrauen und Vertrauen ins Leben zu treffen.
Mir selbst zu vertrauen war ein längerer Prozess jener Differenzierung und Klärung, welches von den guten Gefühlen tatsächlich das war, welches nicht nur die Kraft eines euphorisch brennenden Strohfeuers in sich trug. Ich fand in mir tatsächlich unterschiedliche Qualitäten an „guten Gefühlen“, von denen sich allerdings eines als Fackelträger herauskristallisierte: das JA in meinem Herzen.
Ein JA in meinem Herzen zu spüren schützte mich nicht vor Ängsten und Zweifeln, aber es war stets stärker als diese, und es schonte mich nicht vor etwaigen Enttäuschungen, wenn sich auf dem Weg nach der gefällten Entscheidung Widrigkeiten einstellten. Dieses gute Gefühl im Herzen wich mir nicht mehr von der Seite, ganz im Gegenteil, es baute mich bei jedem inneren Schwanken wieder auf, ließ mein Blick auf all das Hinzugewonnene gleiten, auf all die Dinge und Ereignisse, die meine Wahl vielfach positiv bestätigt hatten.

 

Bestmögliches

Es ist ein Phänomen, dass wir oft das Positive geringschätzen, ihm weniger Gewicht geben, wenn es in unserem Leben ist und wofür wir uns mit unserer Entscheidung stark gemacht haben, stattdessen uns dabei so hartnäckig an Ungutem festbeißen, was uns zugleich den Eindruck vermittelt, es gäbe kaum etwas wofür wir dankbar und zufrieden sein könnten.
Das beeinträchtigt die Auswertung unserer Entscheidung ebenfalls. Jede besonders hart errungene Wahl trägt die zusätzliche Last unserer Bewertung in sich. Wie es nach der Entscheidung auf dem neuen Weg für uns weitergeht ist ein Indiz für die Qualität derselben. Ich kann dazu nur sagen, dass es keine Fehlentscheidungen gibt, weil ich stets davon ausgehe, dass jeder Mensch seine Wahl aufgrund der ihm bestmöglichen Haltung dazu trifft. Mag diese für andere noch so unreflektiert erscheinen, sie ist für den Betroffenen dennoch die bestmögliche Ausgangsposition. Wir sind frei, anderen Menschen unsere Betrachtungen mit auf seine Reise zu geben, doch wer die Komplexität des eigenen Inneren kennt, die vielen Schichten an Gefühlen, Erfahrungen, Prägungen und Priorisierungen, der weiß am besten, dass jeder Mensch zunächst alleine mit diesen Welten kämpfen und umgehen lernen muss. Jede Entscheidung macht uns transparenter für uns selbst und andere, und dass sollte uns befähigen, andere auf ihrem individuellen Weg Entscheidungen zu treffen mit ganzem Herzen zu unterstützen.

 

Originalfassung

 

Den Artikel samt weiterer wertvoller Tipps gibt in der "Auszeit 05/2021" zu lesen.