Lebenswege sind vergleichbar mit einem großen Straßennetz, auf dem wir uns bewegen können. Unsere Ziele sind darin wie nahegelegene oder ferne Orte, zu denen wir gelangen möchten. Die Art unseres Weges ist jedoch viel mehr als nur die Bewältigung einer Strecke zwischen A und B. Und was wäre, wenn der Weg selbst zu uns spricht?

Manches Mal geht es auf dem Lebensweg völlig Stau-frei voran und ich könnte die Welt umarmen, so stimmig fühlt sich alles an: Das Tempo passt, die Aussicht ist fantastisch, die Fahrbedingungen sind optimal, das Ziel kommt rasch näher.

Ja, ich gestehe, auch ich liebe Autobahnen und schnelles Fahren im absoluten Timing mit dem Terminkalender und dem engen Takt der Aufgabenliste. Herrlich ist dieser Rausch, der das Tagesende ebenso rasch erreicht – dann setzt meist eine Erschöpfung ein, als hätte ich soeben zwei Tage hinter mich gebracht. Völlig anders ergeht es mir, wenn die Grundgeschwindigkeit meiner Fahrt geringer ist, wenn ich keine großen Entfernungen, sondern kleinere Etappen anstrebe und auf die Landstraße wechsle.

 

Genuss vs. Rausch

Übertragen auf den Lebensweg hat die Wahl der Straße deutlich mehr Tragweite. Ich hatte einst Großes vor, startete hoffnungsvoll mit meinem Studium und meiner Karriere beim Fernsehen im Kulturbereich. Im übertragenen Sinn benutzte ich also die Auffahrt zu einer äußerst beliebten Autobahn und scherte dort ein. Damals fuhr ich noch einen silbernen Golf, stolz überhaupt ein eigenes Fahrzeug zu besitzen. Turbulent ging es in dieser Welt zu, es wurde überholt, geschnitten, gehupt, gedrängelt und auf keiner Spur schien ich in Ruhe mit meiner Geschwindigkeit fahren zu können. Also entschied ich das Gaspedal voll durchzutreten und meinem Leben die Sporen zu geben. Ehrgeizig und durchaus eigensinnig festigte ich meine Fahrweise, meinen Umgang mit den Schnelleren, den Älteren, den scheinbar Besseren. Doch es blieb eine einzige Hetzjagd, atemlos, die Erste zu sein, gierig nach neuen Zielen und die Straßenrowdies dabei im Blick zu behalten.
Wo blieb die Kreativität, die Muse und Individualität, die Freude in meinem Tun? Ich fühlte mich wie eine Lebensprogrammiererin, statt wie eine Lebensgestalterin. Noch heute höre ich die damals vehemente Stimme in mir: „Bevor du zu einer Lebenskonserve wirst, gehe lieber deinen eigenen Weg!“ Doch wie sollte der aussehen? Eines zumindest wusste ich – ich wollte mein Leben genießen, was voraussetzte, dass ich Freude am Tun hatte, statt mich in einer Treibjagd zu verlieren.


Heilsamer Stillstand

Was wurde aus meinem einstigen Ziel, wohin hatte mich die Rallye zum Erreichen des Großen gebracht? Eins kam zum anderen. Als hätte das Leben meine innere Stimme gehört, meinen wachsenden Unmut wahrgenommen, streute es immer mehr Störungen auf meine Fahrbahn. Es wurde holprig, langsamer und schließlich landete ich in einem Stau wegen Fahrbahnausbesserungen.
Ja, ich wollte mein Vorankommen ernsthaft ausbessern, aber musste ich denn dafür meine komplette Fahrt stoppen? Hatte ich mir nicht mehr Genuss und Freude im Leben gewünscht, statt nun einen Stillstand ertragen zu müssen? Ich haderte, vielleicht hätte ich doch mehr Durchhaltevermögen zeigen müssen – hatte ich mein großes Ziel zu früh aufgegeben? Mir schwebte immer noch vor, mein Leben möge anderen Menschen etwas Wertvolles hinterlassen, doch der äußere Weg, den ich dafür bislang eingeschlagen hatte, stimmte mit meiner inneren Gangart nicht länger überein. Der Stillstand machte mir klar, dass ich nicht nur in einer äußeren, vor allem in einer inneren Klemme saß. Es gab keine Alternativen. Sowohl beim Fernsehen, als auch im Studium sah ich keine Zukunft unter den erlebten Bedingungen. Ich nahm den Stau im reißenden Fluss des Lebens an und ließ mich an den Rand des Gewässers treiben. Ohne Plan, ohne Vision, das war der Moment, in dem ich die Kontrolle über meinen weiteren Weg abgab, in dem ich das Krampfhafte meiner Selbstkontrolle sein ließ. Just in dieser Phase erreichte mich ein Anruf, der eine neue Ausrichtung einläutete.

 

Selbstachtung

Während ich dem Fernsehen endgültig den Rücken kehrte, hatte sich innerhalb der Studienleitung das Blatt gewendet und damit auch meine Bereitschaft, das zu Ende zu führen, was ich begonnen hatte. Mein Wunsch war erhört worden: Ich hatte die letzten Semester viel mehr Freude an den Themen, den Gesprächen und selbst die mühselige Magisterarbeit führte zu einem unerwarteten sehr guten Abschluss. Noch heute ist das Ende meiner Studienzeit, was mir dort widerfuhr und wie ich auf eher unwissenschaftliche Vorgehensweise genau das Herz des Magisterthemas erfasste, signifikant für meine Lebensweggestaltung. Geblieben ist allerdings auch meine Ungeduld, mit der ich heute immerhin eine viel bessere Kooperation pflege als damals. Über die Jahre erkannte ich, dass es viele große Ziele geben kann, deren Erreichen mich motivierte, aktiv zu werden. Ich erkannte ebenso, dass vieles, was ich erreichen wollte, mich nur deshalb gelockt hatte, damit ich endlich eingetretene Pfade verlasse, mich auf einen neuen Weg begebe, meinen Horizont erweitere.

Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass ich viel herumgekommen bin, sowohl auf der geographischen Landkarte, als auch auf der Karte meiner persönlichen Lebensreise. Die meiste Zeit habe ich jedoch damit verbracht, mein Tempo, meinen Weg, die Wahl meines Vorankommens, meiner Wiederholungsschleifen, Wendepunkte und Haltebuchten vollends anzunehmen. In einer Leistungsgesellschaft, in der vor allem Rennfahrer besonders sexy sind, Menschen, die schon in der Schule ihre möglichen Besitztümer im Visier haben, bedarf es einer besonderen Selbstachtung, um nicht unter die Räder des sich ständig Vergleichens zu geraten.

 

Lebensführung

Es ist ein Balanceakt, sich durch Andere inspirieren zu lassen, ohne das Eigene dadurch abzuwerten. Es ist ein Kraftakt, zu spüren, welches Tempo auf den Straßen des Lebens inzwischen vorgelegt wird und sich dabei dem Sog des ständig mithalten Müssens entgegenzustellen.
Es ist ein Akt weiser Lebensführung, das eigene Wohlbefinden immer im Zusammenhang mit dem eingeschlagenen Weg, der Haltung zum Erreichen der Ziele und der Art des Ankommens zu betrachten. Wenn das Wohlbefinden vom Zwang, der Geschwindigkeit und mit Tunnelblick verheizt wird, dann stellt sich doch die große Sinnfrage: Zu welchem Ziel bin ich einst aufgebrochen, wenn es keines war, welches mir mehr Wohlbefinden im Jetzt, der einzig real lebbaren Zeit, beschert? Wohlbefinden können wir mit keiner Höchstleistung erreichen, wenn der Weg jegliches Wohlbefinden dafür aufzehrt. Zurück bleibt auf einem solchen Weg stehts das Gefühl, leer auszugehen, hungrig zu bleiben oder schlecht genährt zu sein, wie nach einem kurzen Autobahnstopp in einer Fastfood-Wirtschaft. Der Blick mit dem wir auf einer solchen Lebenspiste unterwegs sind, wird immer enger und eingeschränkter, er konzentriert sich immer verbissener auf das Ankommen, auf den Moment, endlich das zu bekommen, das genießen zu dürfen, für was wir alle Strapazen auf uns genommen haben. Das Wohlgefühl wird in die Zukunft verschoben, das Jetzt wechselt auf die Rollbahn zum Last-Minute-Trip.

 

Weggefährte

Auch wenn mein Leben niemals eine durchweg rasante Fahrt aufnahm, so fuhr ich dennoch mehrmals gegen eine imaginäre Wand, weil ich offenbar falsch abgebogen war. Willentlich nicht, doch ungeachtet der inneren Stimme, die ihr Echo immer lauter im Ruf meines Lebenswegs fand.
Nicht nur beruflich gab es jene Dreh- und Wendepunkte, nein, es gab sie beinahe noch häufiger in meinen Beziehungen. Eine davon brachte mich derart an den Rand meiner Orientierung, dass ich den einsichtigen Beschluss fasste, lernen zu wollen, wie man überhaupt einen Weg und den eigenen dazu geht. Dafür wählte ich passenderweise eine Pilgerwanderung aus. Alleine, untrainiert und zu einem Zeitpunkt, da mein gesamtes Leben einer aufgerissenen Straße glich. Erneut war es der Augenblick, die Kontrolle über mein weiteres Vorankommen, dieses Mal bewusst abzugeben, um mich vom Leben inspirieren zu lassen. Aufgescheucht im städtischen Trubel, inmitten all der Dinge, die mich an das Scheitern und die vielen Fragezeichen erinnerten, wäre mir das nie gelungen. Ich erinnere mich bis heute sehr gut an das besondere Kribbeln, eine Aufregung, die etwas Verheißungsvolles ankündigte, etwas, was zum Türöffner für ein ganz neues Straßen- und Wegenetz in meinem Leben werden sollte. Vier Wochen wanderte ich auf diesem Weg, über steile Berge, sanfte Hügel, durch Felder, in Wäldern, auf staubigem Asphalt, wurzeligen Pfaden, in Kälte, Hitze, im Regen und bei Sonnenschein. Ich wanderte und weinte, lachte, fluchte, tanzte, hastete, stürmte voran und traumwandelte. Ich hatte jeden Tag ein Ziel, am Anfang riss es mich raus, das Ziel war zu groß, ich schaffte es nicht. Ich lernte mich zu fügen und den Weg als Gefährten zu betrachten. Er wurde zu einem Partner, mit dem zusammen ich jeden Tag Erlebnisse teilte. Im Laufe der Wochen wuchsen wir zusammen wie ein Paar, ich spürte den Druck des Rucksacks nicht mehr, ich zählte die Schritte nicht, ich war verwundert schon am Ziel zu sein.

 

Wegführung

Heute und mehr denn je, spüre ich, dass es einen Ruf des Lebensweges gibt, der den Einklang mit allem anstrebt, was uns einzigartigen Wesen Freude bereitet, was uns nährt, emotional, geistig, körperlich und auch wirtschaftlich. Diesen Ruf zu vernehmen bedeutet im Kontakt mit der Stimme des Herzens zu sein, still sein zu können, Auszeiten als heilig zu betrachten, damit die persönlichen Absichten immer wieder mit dem tatsächlichen Wohlbefinden abgeglichen werden. Ich habe mich oft dafür angeklagt, nicht in der Spur zu laufen, was bedeutet, schnörkellos in den Bahnen unterwegs zu sein, die vielbefahren und erprobt sind. Oft hatte ich den Eindruck von unsichtbarer Hand umgeleitet zu werden auf Straßen, die sich lange nicht wie meine anfühlten. Doch ich wollte auch kein Geisterfahrer in meinem eigenen Leben sein, weswegen ich allmählich lernte anzuerkennen, dass meine Wegplanung offenbar in eine größere eingebettet war. Die tiefgreifenden Erfahrungen auf meiner Pilgerwanderung zeigten mir, dass ich dem Weg vertrauen kann, dass es Weisungen gibt, die mir helfen, wenn ich nicht mehr weiter weiß oder, was mir damals tatsächlich passierte, als ich meine Brille verlor. Ohne Brille sah ich nur verschwommen in die Ferne und hatte zunächst schreckliche Angst mich zu verlaufen, bis ich mich erinnerte, dass der Weg mein Gefährte ist, und dass echte Partner einem zur Seite stehen. Tatsächlich verfehlte ich keine meiner Ankunftsziele und zum guten Schluss fand sich sogar meine Brille wieder, die ich kaum noch benötigte.

 

Schlussgedanken

Es war ein Lebensreifeprozess von den verheißungsvollen Autobahnen auf streckenweise Pilgerwege zu wechseln. Ich bin sehr froh, sämtliche Gangarten und Geschwindigkeiten mit ihren Vorteilen und Konsequenzen ausgetestet zu haben. Nur so gelingt es mir heute, zusammen mit meinem Gefährten „Lebensweg“ eine gemeinsame Reise zu unternehmen in Ausschöpfung aller Möglichkeiten und in dynamischer Anpassung an die Herausforderungen, die gesteckte Ziele an den Weg stellen.

 

Originalfassung


Den Artikel samt weiterer wertvoller Tipps gibt es im Magazin "Auszeit" Februar/März 2021 zu lesen.