Es ist so gut, dass wir sie haben: unsere Intuition. Etwas, was kaum zu beschreiben ist, hat doch so eine große Wirkung auf unser Leben. Gerade jetzt, da sowohl unsere Gegenwart, vor allem aber unser Blick in die Zukunft mit viel mehr Fragezeichen verknüpft sind, hilft ein stabiles Inneres. Eine klare Ausrichtung bringt uns Ruhe, und die ist wohl zurzeit die sicherste Grundlage für die Fahrt durch unruhige Gewässer.

Mich hat das Segeln sehr viel über Intuition gelehrt. Die Wetter- und Windverhältnisse, gerade am Bodensee, wo ich die meiste Zeit unterwegs bin, sind nicht so stabil, wie vergleichsweise auf dem Meer. Hier gibt es schnelle Wechsel von viel und wenig Wind, häufige Winddreher und zudem noch Böen, deren Auftreten man nicht immer sicher deuten kann. Ich segelte auf verschiedenen Booten, doch die größte Herausforderung war es, ein 14 Meterschiff zu zweit zu fahren mit mir als Steuerfrau. Sämtliche Kenntnisse vorausgesetzt, bleibt dieser Natursport immer etwas, was unter dem Einfluss von Unvorhersehbarkeiten steht. Nach vielen Monaten ertappte ich mich allerdings dabei, kaum noch Gedankengesteuert dabei zu sein, sondern mich von einem Fühlen leiten zu lassen, verknüpft mit einer klaren Vorgehensweise. Ich hatte mich intuitiv durch Unsicherheiten hindurch getastet und eroberte so neue Grenzerfahrungen. Rückblickend kann ich behaupten: Vom Verstand her hätte ich mir das nie zugetraut.


Der inneren Unruhe begegnen

Diese Grunderfahrung half mir in der nächsten Stufe, als wir nämlich Segel-Events veranstalteten. Nun galt es die weitaus komplexere Situation für alle sicher im Auge zu behalten, ohne dass die Leichtigkeit verloren geht. Rein rational wäre ich schnell überfordert gewesen, doch in Anbindung an meine Intuition gelang es im richtigen Moment das Richtige wahrzunehmen, um dann das Richtige zu tun. Ich gestehe, das liest sich ein wenig so, als sei ich ferngesteuert gewesen. Ja, ich behaupte heute immer noch gerne, dass Intuition uns ihre Führung anbietet, wenn wir diese benötigen und annehmen.

„Um authentisch zu sein benötigen wir unseren inneren Kompass (…). Intuition ist dieser innere Kompass.“ (aus: CvK Intuition für Rationalisten)

Ich bin bei Nacht und im Nebel gesegelt und natürlich auch auf dem Meer, aber das ist alles nicht vergleichbar mit der stürmischen See des Lebens, durch die wir tagtäglich hindurch navigieren müssen. Die unruhigste See ist das Meer unserer Gefühle, denn diese geraten (massiv) in Aufruhr, wenn unsere Sicht auf das Morgen und wie es weiter geht eingetrübt werden. Wenn das, was vor uns liegt, viel zu groß und zu unübersichtlich erscheint, als dass wir es meistern könnten. Wenn wir viel Vertrautes, Liebgewonnenes loslassen müssen und von heute auf morgen statt der gewohnten Freiheiten mit Zwängen, Unsicherheiten und Ängsten umzugehen haben. Das Gedankenkreiseln hält uns zusätzlich nachts wach und so fehlt die nötige Ruhe für eine klare Ausrichtung. Wenn die Winddreher beim Segeln kamen, da halfen keine voreiligen Manöver, da war es oftmals besser, abzuwarten, die Segel hierfür lieber flattern zu lassen, um wieder ein klares Gefühl dafür zu bekommen, was als Nächstes zu tun ist. Es machte mich reichlich nervös, andere bis hin zu zornig oder verzweifelt, wenn eine Lage sich uneindeutig, launenhaft zeigte und man scheinbar nur ohnmächtig auf das nächste Geschehen warten konnte, in der Hoffnung, dass sie sich nicht zu einer Gefahr ausweitete. Ich hatte nur die Sicherheit des Moments im Blick, solange bis mir letztlich der Wind eindeutige Zeichen gab, wie die Segel zu setzen waren und der neue Kurs lautete.

 

Mit dem Kompass im Herzen

Wir werden in der Anbindung an unser intuitives Wissen immer wieder geprüft. Und das habe ich stets als sehr wichtig empfunden. Ich möchte mich nicht blindlings auf sie verlassen, sondern mich bewusst von ihr führen lassen.
Wenn die Intuition zu uns spricht, haben wir nicht automatisch und jedes Mal Glücksgefühle dabei. Ganz im Gegenteil. Die Stimme unserer Intuition ist mit unserer Wahrheit verbunden, mit unserem Weg, diese Wahrheit vollumfänglich zu leben. Wahrhaftig oder aufrichtig zu sein, ist auch ohne besondere Umstände oft genug eine Herausforderung. Sein authentisches Selbst in die Welt zu tragen, ist nicht nur von Durchmärschen, Beifall und Befürwortern gesäumt, sondern meist das Ergebnis eines mehr oder weniger beschwerlichen, erfahrungsreichen Entfaltungsprozesses. Kein Mensch geht diesen Weg ohne eine starke Anbindung zu jenem inneren Ruf zu haben, der ihn jeden Tag erinnert und ermutigt, weiterzugehen. Die Stärkung unserer Intuition liegt in der Vielzahl ihrer Prüfungen. Haben wir eine Ebene des Vertrauens in sie erklommen, folgt eine Phase der Festigung und der freudvollen Erlebnisse, wie sagenhaft sie doch funktioniert, wie leicht vieles durch sie wird. Bis dann, scheinbar als Störenfried dieses harmonischen Flows, eine Wendung eintritt. Das Unerwartete klopft an die Tür oder es schmeißt uns, im übertragenen Sinn, mit einem kräftigen Windstoß über Bord.
Es scheint in den ersten Augenblicken des Schrecks oder Schocks so, als hätten wir keine Zeit, unseren inneren Kompass zurate zu ziehen, doch eines haben wir bereits gelernt: Wieder zur Ruhe finden, Angst und Aktionismus besonnen eingrenzen und dem Dämon der Ohnmacht mit achtsamer Entschlossenheit begegnen.
Gleich wie ausweglos, verfahren, beschränkend die Situation scheint, wie sehr es unser Leben an die Grenzen von Überlebenskampf, Sinnlosigkeit, Wut und Trauer treibt, wir haben immer das Ruder in der Hand und den Kompass in unserem Herzen.


Heilsamer Abstand für mehr Stabilität

Unser intuitives Wissen ist etwas sehr Dynamisches. Es wächst mit unserer Bereitschaft, sich auf die Führung unserer Intuition einzulassen, stets mit. Unser Herz ist ein sehr erstaunliches Organ, mit einem sehr viel größeren elektromagnetischen Feld ausgestattet als unser Gehirn. Es ist für mich ein viel wichtigerer Informant, wenn es um Ausrichtung, Klarheit, Wahrheit und Authentizität geht, als das, was mein Verstand dazu rät. Ich habe in vielen Gespräche mit Geschäftsleuten in hohen Positionen die Bestätigung dafür erhalten, dass Fakten nur zusammen mit einem Gefühl von Stimmigkeit zu einer Entscheidung führen. Leider sind wir noch nicht dort angekommen, wo unsere intuitive Weisheit offiziell an alle Besprechungstische mitgeladen wird. Doch es zeigt, dass wir, so rational wir uns nach außen verkaufen, unseren Bezug zur Bedeutung unserer Intuition nicht vollständig verloren haben. Die Macht, die Mitsprache unseres gefühlten Wissens war und bleibt wesentlicher Teil unserer Lebensreise.  

Was tun wir also, wenn die Wellen hochschlagen, wenn das zur Ruhe kommen zu einem täglichen Hürdenlauf wird, und wenn ein stabiler Zustand zunehmend Abgrenzungen und Anpassungen zugleich erfordert?

Bewusst den Abstand suchen. Abstand zu Meldungen, Kontakten, Terminen, die weder zwingend notwendig noch erbaulich sind. Bewusst reduzieren. Statt es als Zwang zu betrachten, beispielsweise keine Flugreise machen zu können (oder nur unter sehr aufwendigen Bedingungen), könnte es zu einer Bereicherung werden, die nahe Umgebung (zu Fuß) zu erkunden. Ich wollte schon letztes Jahr verreisen, da kam die Thomas Cook Pleite. Bis heute warte ich auf das Restgeld. Dieses Jahr – erneut Heimat entdecken und meinem Sohn die geweckten Träume vom Fliegen anderweitig erlebbar machen. Wir waren segeln, gemeinsam. Unerwartet, ungeplant, neue Begegnungen in einer Zeit, die so verfahren ist, wie keine zuvor. In einer Zeit, da der Abstand von Bisherigem neue Türen öffnet. Meine Intuition hatte den Spalt erkannt, ließ mich eine Person spontan ansprechen, die gleichfalls spontan mit einer Zusage reagierte.
Doch bewusst reduzieren bedeutet noch mehr: Den Wert dessen, was man bereits hat, bewusst zu würdigen. Selbstverständliches zu etwas auferstehen zu lassen, was wieder eine Bedeutung hat. So fällt auch das Loslassen leichter. So fällt es leichter, den Weisungen unseres inneren Kompasses zu folgen, wenn diese zu Entscheidungen raten, die uns vielleicht das Herz schwer machen. Unser intuitives Wissen ist eine weise Brücke zwischen unserem diesseitigen Leben und unserer spirituellen Heimat.
In stürmischen Zeiten wie diesen hilft uns unsere Intuition, innerlich heil und ganz zu bleiben, um sicher auf dem entwicklungsfähigen Kurs unserer authentischen Lebensausrichtung zu navigieren.


Auszeit

Dieser Artikel ist im Magazin "Auszeit" Nr. 5/2020 erschienen. Dort finden Sie noch hilfreiche Tipps und Anregungen zum Thema "Intuition in stürmischen Zeiten".

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