Was wären wir ohne die Geschichten von Menschen, die unser eigenes Leben bewegt, geprägt oder inspiriert haben... In das Leben eines Menschen einzutauchen und dabei der stille Beobachter seiner selbst zu bleiben, das ist gerade im digitalen Rausch eine anhaltende Kostbarkeit. Die Zeit zu haben, aus den Worten eigene innere Bilderwelten entstehen zu lassen und dabei Verknüpfungen herzustellen, die persönliche Erlebnisse berühren, das ist der hohe Wert einer professionell geschriebenen Biographie. Vielleicht Ihrer?

Seien Sie fasziniert von Ihrer eigenen Geschichte, die dadurch eine neue Ebene der Klarheit, Lebendigkeit und auch möglicher Erkenntnisse erreicht. Das geschriebene Wort ist ein wunderbarer Diener der Reflektion und damit der Weitergabe einzigartigen Gedankenguts.

Zeitlicher Abstand offenbart den tieferen Sinn

Das eigene Leben, oder Episoden daraus, mit einem gewissen Abstand und den Augen eines wohlwollenden Dritten zu betrachten, wirft oftmals ein ganz neues Licht auf bestimmte Ereignisse. Diese werden dann zu signifikanten Wegmarkierungen mit einer Botschaft, die sich erst durch den Abstand dazu vollends entfaltet. "Damals also schon..." oder "Das war mir zu dem Zeitpunkt gar nicht bewusst..." sind die Begleiter einer Reise durch die eigene Biographie, einer Entdeckungsreise, die auch zu einer völlig neuen Wertschätzung gegenüber Lebenslektionen und wundersamen Fügungen werden kann.

Lesen Sie hier den Auszug aus meinem biographischen Text als kleines Beispiel:

Nebelwände auf dem Weg

Damals war ich wie vom Donner gerührt, als man mich ins Sekretariat meines Hauptfachs Theaterwissenschaften einbestellte, und ich vermutete aufgrund der Vorgeschichte nichts Gutes. Ich hatte dieses Fach gewählt, weil mein Wunsch auf eine Schauspielschule zu gehen, unerreichbar schien. So wähnte ich mich mit meiner Wahl in der Nähe meines ursprünglichen Wunsches. Doch dieses Fach erwies sich bis auf ein paar Ausnahmen als nahezu Wüstenstaub trocken, was ich damals bereits der theoretischen Zerfleischung von durchaus interessanten Themen durch die vom Ehrgeiz getriebenen, leitenden Professorin zuschrieb. Die wollte vor allem ihre Bücher inhaliert und wiedergekäut sehen. Ich gab mir redlich Mühe, aber meist an ähnlichen Stellen ihrer Analysen endete mein Verständnis im Nebel völliger Verwirrung – ich wusste einfach nicht, was sie damit sagen wollte. Frustriert darüber suchte ich die Lösung in der Praxis, und was lag näher als die Vorteile meines damaligen Lebensstandorts zu nutzen und mich beim Fernsehen zu bewerben. Es dauerte nicht lange, da begann ich eine parallele Ausbildungsleiter beim Öffentlich-Rechtlichen. Der Spagat zwischen Uni und freier Mitarbeiterschaft beim Sender wurde zu einem Drahtseilakt, der seitens der Studienleitung meines Hauptfachs zunehmend missbilligt wurde. Als man mir bei einer Semesterarbeit meine Unfähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten wortwörtlich um die Ohren schlug, wandte ich mich teils grollend, teils zweifelnd erneut ab. Mir wollte es einfach nicht einleuchten, warum alle Studenten, einer Konserve gleich, zu ähnlichen Ergebnissen in ihren Arbeiten kommen sollten und sich auf den wissenschaftlichen Tenor der Leiterin einzuschwingen hatten. Warum wurde nicht umgekehrt interessierter und aufgeschlossener auf die individuellen Fähigkeiten und das persönliche Engagement eingegangen? Ich fühlte mich in meinen Bestrebungen missverstanden und haderte zugleich mit meinem Vermögen. Was, wenn ich wirklich nur eine geduldete Versagerin war?

Bitte antreten zum Gespräch!

Eingetaucht in die vielfältigen Möglichkeiten in Redaktion und Regie mitzuwirken, erreichte mich der Brief mit dem Termin bei der Institutsleitung wie ein potenzieller blauer Brief zu Schulzeiten. War das nun die offizielle Unfähigkeitsbescheinigung und mein Rausschmiss? Für einen Moment fühlte ich mich wie ein kleines Kind, welches in seinem wirbeligen Köpfchen alle Erlebnisse nach einem schuldhaften Vergehen abklappert, und sich dabei immer mehr Möglichkeiten auftun. Durch ein paar Querverbindungen konnte ich kurz vor meinem Antrittstermin noch in Erfahrung bringen, dass die Professorin mit ihrem Stab an auserwählten Studenten nach Berlin abgezogen war und vorübergehend einen Stellvertreter ernannt hatte. Bei ihm sollte ich nun vorsprechen. Mit einer seltsamen Mischung aus Beklemmung und zugleich etwas mehr Zuversicht durch die neuen Umstände, sah ich dem Gespräch entgegen. Ich stellte mich innerlich auf das Schlimmste ein, denn so würde alles zu einer positiven Überraschung werden, mit dieser Devise machte ich mich innerlich bereit. Eine Haltung, die noch viele andere kommende Stromschnellen in meinem Werdegang prägte.
Den Augenblick als ich die Tür zum Sekretariat öffnete habe ich noch sehr gut vor Augen. Mein Herz klopfte bis zum Anschlag in meinem Hals, so dass kein Schlucken mehr möglich war. Die Zunge klebte am Gaumen und die Hände waren feucht. Das innere Beben muss man mir trotz meiner Bemühungen laut meiner Devise, es kann nur besser werden, angesehen haben. Statt einer strammen Ansage, winkte mir ein freundlicher, älterer Herr zu, kam um den Tisch herum und bat mich, mit ihm vor die Türe auf den Gang zu gehen. Dort setzten wir uns auf eine Bank. Er holte sich aus seiner Anzugjackentasche einen Zigarillo heraus, der derart verbogen war, dass ich glaube, er habe bereits drauf gesessen. Alles in Stille, bis auf ein erstes "Guten Tag." Der Effekt der Irritation war geglückt. Ob der Umstände mit diesem netten Herrn völlig leger auf der Bank im Flur zu sitzen, ihn dabei zu beobachten, wie er sein kurvenreiches Rauchwerk in den Mund steckte und anzündete, die ersten Gedankenblasen mit dem blauweißen Dunst in den Raum blies, das war bühnenreif. War das echt oder Theater? 

Sagen Sie mal,...

Vermutlich genoß er seine Inszenierung schon etwas, aber ich litt auch nicht wirklich, denn unerwarteter Weise war mir eher danach, in ein befreiendes Gelächter auszubrechen. Dann wandte er sich mir zu: "Sagen Sie mal, was ist denn bei Ihnen und den Studenten los?" Der Kloß im Hals war schlagartig zurück. Meine Erstarrung war allerdings nur von kurzer Dauer, und das verdankte ich den Nebenwirkungen dieser für mich neuen verwirrenden Situation. Ich fühlte keine Schranke zwischen ihm und mir, kein Gefälle, er schien auf Augenhöhe, zumindest bot sich mir das so an. Alleine gefragt zu werden, was meine persönliche Meinung ist, signalisierte in erster Linie mitmenschliches Interesse - und das war der Türöffner. In wenigen Minuten platschte alles Angestaute aus mir heraus, wie bei einem Damm der bricht, musste er nun in die Flut aller Eindrücke mit eintauchen. Und das tat er. Es war ein Gespräch, wie ich es bis dahin noch nie, und danach nur noch sehr selten mit Menschen geführt habe, von deren Führung ich abhängig war. Immer wieder paffte er an seinem Zigarillo, schaute vor sich hin und nahm mich dann wieder ins Visier. Er machte wenige Worte, damit bekam das Gesagte noch mehr Gewicht. "Gehen wir wieder in mein Büro, ich möchte Ihnen etwas zeigen.", er stand auf und ging vor, während ich mich wieder etwas einzusammeln versuchte.

Die schwarzen Schafe

Die ehrgeizige Professorin hatte ihm als Auswertung ihrer leitenden Position zwei Listen hinterlassen - nicht ohne ihre persönlichen Anmerkungen dazu zu machen, die er mir im Vertrauen ebenfalls mitteilte. Namentlich aufgeführt standen dort einmal die Studenten mit Potenzial, einer Förderung in ihren Augen würdig, und auf der anderen standen die "schwarzen Schafe", über deren Verbleib er nun entscheiden dürfe. Er machte eine kurze Pause, schaute über den Tisch und nachdem die Stille zum Bersten geladen war, enthüllte er mit einem spitzfindigen Grinsen: "Sie stehen auf der Liste der schwarzen Schafe ganz oben." Er machte erneut eine kurze Pause. "Und deshalb sitzen Sie heute hier. Genau aus diesem Grunde, sind Sie meine Nummer Eins." Er lehnte sich zurück in seinen Stuhl, nippte an dem Wasserglas und kramte in seiner Jackentasche, und steckte sich vorbereitend eine weitere Zigarillo in die Brusttasche. Er wartete bis ich mich ebenfalls etwas gelöster in den Stuhl fallen ließ und setzte fort: "Wissen Sie, ich komme aus der ehemaligen DDR, einem System, was Anders- und Querdenkern gerne Schlechtes nachgesagt hat, nur weil diese sich nicht in etwas einordnen wollten, was sie nicht überzeugte. Diese Freigeister waren aber das Potenzial der Gesellschaft, die eigentlich bereichernden Menschen im System…" Er blinzelte mich durchdringend an, so als wollte er sicher stellen, dass ich den Anfängen seiner Botschaft auch wirklich gefolgt war.